Saarland soll zu einem führenden Standort in Europa werden

Der technologische Wandel ist eine Chance, die Karten der Wirtschaftsregionen neu zu mischen. Wie kann das Saarland als einer der führenden Wirtschaftsstandorte Europas daraus hervorgehen? Über diese große Vision sprachen wir mit Ammar Alkassar, dem Bevollmächtigten der Landesregierung für Innovation und Strategie.

 

2. September 2019


saaris/impuls: Herr Alkassar, ist das überhaupt realistisch?

Ammar Alkassar: Absolut! Andererseits: Wir haben auch keine andere Chance. Der weltweite Wandel stellt Wertschöpfungsketten auf den Kopf. Grenzkosten sinken z. B. bei fast allen Produkten teilweise auf Null. Das verschiebt die Wertschöpfung weg von der Produktion, hin zur Entwicklung. Oder: Disruptive Geschäftsmodelle von Start-ups lösen binnen kürzester Zeit etablierte ab samt den zugehörigen Unternehmen. Wenn wir darauf nicht eingehen, werden wir in zehn Jahren völlig abgehängt sein mit fatalen Auswirkungen auf den Lebensstandard der Menschen in diesem Land. Ich habe in den letzten Monaten, in denen ich intensiv mit den Unternehmen und Forschungseinrichtungen im Land gesprochen habe, etliche hervorragende Ansätze gesehen. Die dahinterstehenden Köpfe haben verstanden, dass es notwendig ist, groß zu denken, Chancen beherzt zu ergreifen. Es gibt im Land tolle Ansätze, die das Potenzial haben, richtig erfolgreich zu werden und das Saarland zu einem der führenden Wirtschaftsstandorte Europas zu machen. Diese Haltung müssen wir noch mehr in der Bevölkerung verankern und sie für die Möglichkeiten des digitalen Wandels begeistern, damit das Saarland den laufenden Strukturwandel nicht nur einigermaßen unbeschadet übersteht, sondern den Weg an die Spitze findet.

 

saaris/impuls: Das Saarland hat eine weltweit renommierte IT-Forschungslandschaft und beste Noten im Automobilbereich. Was fehlt noch?

Ammar Alkassar: Wir verfügen auch über einen sehr gut aufgestellten Bio/Nano/Med-Sektor („Life & Material Sciences“), dem nicht zuletzt durch die älter werdende Bevölkerung und die damit einhergehende Nachfrage nach medizinischem Fortschritt eine wachsende Bedeutung zukommt. Unsere Forscher leisten in vielen Bereichen außerordentliche Pionierarbeit, wir haben aber auch weltweit aktive Unternehmen in diesem Bereich im Land. Diese Assets werden wir gemeinsam mit den anderen beiden Schwerpunkten „Digitalisierung“ und „Automotive/Produktion“ weiter ausbauen, Synergien zwischen ihnen heben und nach vorne bringen.

 

saaris/impuls: Wo sehen Sie noch strukturelle Defizite im Land?

Ammar Alkassar: So haben wir im Bereich der Gründungen zu geringe private FuE-Investitionen, kein ausreichendes Ökosystem für echtes Wagniskapital mit der Kultur des „groß denken“, zu wenig Austausch zwischen Forschung und Industrie. Vor allem aber müssen wir die Kleinteiligkeit überwinden, priorisieren, uns stärker auf unsere Stärken fokussieren und diese weiter ausbauen. Das heißt aber auch, bestimmte, auch interessante Dinge nicht mehr zu machen. Nur damit schaffen wir Exzellenzen, die es uns ermöglichen, im nationalen und internationalen Wettbewerb zu bestehen.

 

saaris/impuls: Was sind die Ziele des neuen Tech-Clusters?

Ammar Alkassar: Das Ziel muss sein, den Exzellenzstandort mit den Forschungsinstituten und Hochschulen noch viel stärker in Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land zu bringen. Gleichzeitig müssen wir das Land attraktiver machen für technologieorientierte Unternehmen, Gründer und Forscher – von innen und außen. Dafür braucht es kritische Masse und eine höhere Transparenz. Daher werden wir die Vermarktung des Exzellenzstandortes für Forschung und Technologie weiterentwickeln und die bisher erfolgreichen Ansätze (z. B. die Erfolge bei ZF und Symantec oder der Gründer-Campus Saar) systematisieren, um neben erfolgreichen Gründungen und Technologietransfer in den Mittelstand hinein auch weiterhin FuE-Labs von außen anzuziehen.

 

saaris/impuls: Was bleibt zu tun?

 Ammar Alkassar: Wir als Landesregierung müssen unsere Aktivitäten weiter bündeln und Redundanzen beseitigen. Die Firmen müssen strategisch in Innovationsbereiche und Personalressourcen investieren. Hierzu zählt, angesichts des demografischen Wandels, die vorhandenen Fachkräfte exzellent aus- und weiterzubilden. Zugleich müs¬sen wir attraktiver werden für Menschen, die neu ins Saarland kommen. Ein wichtiger Schritt ist hier die internationale Schule, die wir gerade auf den Weg bringen.

 

saaris/impuls: Wie kann saaris dabei helfen?

 Ammar Alkassar: saaris als Innovations- und Standortagentur ist eine tragende Säule bei der Umsetzung des Strukturwandels. Unser nächstes gemeinsames Ziel: Das Saarland muss in den vorhandenen Schwerpunktbereichen eine Stellung erreichen, bei der man an uns nicht mehr vor¬beikommt. Hierfür müssen wir deutlich sichtbarer werden und funktionierende Cluster bilden.