Saar-Uni: Mehr als 160 Flüchtlinge können sich aufs Studium vorbereiten

26. September 2016


Vor einem Jahr war die Universität des Saarlandes eine der ersten Hochschulen bundesweit, die ein spezielles Förderprogramm für Flüchtlinge aufgelegt haben. Mit Unterstützung des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes (ME Saar) wurde insbesondere denjenigen geholfen, die auf der Flucht Zeugnisse und Papiere zurücklassen mussten. In einem mathematischen Eingangstest auf saarländischem Abitur-Niveau konnten sie beweisen, dass sie etwas von der Materie verstehen, und sich für einen vorbereitenden Deutschkurs qualifizieren. Über 80 Flüchtlinge haben diesen Test bestanden. Hinzu kommen weitere rund 80 Flüchtlinge, die sich mit regulären Zeugnisdokumenten erfolgreich beworben haben. Universität und ME Saar zogen heute auf einer Pressekonferenz eine Zwischenbilanz.

 

Unter dem Eindruck der hohen Flüchtlingszahlen vor allem aus Syrien entschloss sich die Universität vor einem Jahr, schnelle und unbürokratische Hilfe zu leisten und talentierten jungen Flüchtlingen eine Perspektive zu bieten. Quasi aus dem Nichts entstand in Windeseile ein Konzept: Offiziell anerkannte Flüchtlinge, die Interesse und Vorbildung für ein Studium mitbrachten, aber keine Zeugnisse mehr vorweisen konnten, da sie diese auf der Flucht zurücklassen mussten, konnten an einem Eingangstest teilnehmen. In dem Test wurden kognitive sowie mathematische Fähigkeiten überprüft, letztere auf dem  Niveau des saarländischen Mathematik-Abiturs. Bestanden sie diesen Test, waren sie für einen rund einjährigen Deutschkurs zugelassen, der sie auf das Studium in einem zulassungsfreien MINT-Fach (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) vorbereitet. Dazu zählen beispielsweise Chemie, Informatik, Systems Engineering, Materialwissenschaft und Werkstofftechnik sowie Physik.

 

Seit Oktober 2015 gab es insgesamt drei dieser Eingangstests, rund 80 Flüchtlinge haben sie in dieser Zeit bestanden. Die meisten von ihnen befinden sich derzeit noch in den vorbereitenden Kursen, die mit der DSH-Prüfung (Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang) bzw. der FSP-Prüfung (Feststellungsprüfung) enden. Diesen Sprachnachweis müssen alle ausländischen Bewerber erbringen, die ein Studium in Deutschland aufnehmen möchten. In den FSP-Kursen erhalten die Teilnehmer neben Deutsch- auch Fachkenntnisse für ihr späteres Studienfach. Ebenso viele Flüchtlinge konnten sich auf regulärem Weg für die Deutschkurse qualifizieren: Rund 80 junge Männer und Frauen haben  sich mithilfe vorliegender Zeugnisdokumente und Papiere erfolgreich über das Portal „uni-assist“ beworben.

 

Nach der erfolgreichen Anschubfinanzierung durch ME Saar ist es der Universität gelungen, eine Fortsetzung der Finanzierung aus Bundesmitteln zu sichern. Den Unternehmen an der Saar ist daran gelegen, talentierten jungen Menschen den Weg zu ebnen, damit sie später als hochqualifizierter Ingenieur, Informatiker oder Naturwissenschaftler arbeiten und damit auch dem Fachkräftemangel in der Region entgegenwirken können. Oswald Bubel, ME Saar-Präsident, sagt dazu: „Die geflüchteten Menschen brauchen unsere Unterstützung und dazu gehört auch, sie für den deutschen Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Viele bringen gute Voraussetzungen mit, ein Studium aufzunehmen, sie haben bereits gute Vorkenntnisse erworben und sind hoch motiviert und leistungsbereit. Deshalb unterstützen wir die Universität gerne dabei, den vorhandenen Wissensstand festzustellen und die notwendigen Sprachkenntnisse zu vermitteln. Zuwanderung ist für unser Land eine Notwendigkeit. Es ist eine riesengroße Herausforderung mit Problemen, aber es ist eben auch eine Chance.“

 

Auch Universitätspräsident Volker Linneweber zieht eine positive Zwischenbilanz: „Dass nach einem Jahr so viele intelligente junge Menschen bewiesen haben, dass sie bei uns studieren können, zeigt das Potenzial, das in den vielen Menschen steckt, die vor Krieg und Elend aus ihrer Heimat fliehen mussten. Wir wollen diese Leute willkommen heißen und ihnen eine Chance bieten, sich in unsere Gesellschaft einzubringen. Damit schlagen wir gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Wir eröffnen diesen Menschen die Möglichkeit, sich durch Studium und Beruf eine neue Existenz aufzubauen; wir helfen, den Fachkräftemangel zu beseitigen; und wir lasten unsere Studienkapazitäten in denjenigen Fächern aus, die aufgrund des Mangels an geeigneten Studieninteressierten ohnehin nie vollständig ausgebucht sind.“

 

Rolf Pelster, Professor für Experimentalphysik und Didaktik der Physik, der mit seiner Arbeitsgruppe den fachlichen Teil des MINT- Eingangstests entwickelt hat, erläutert dazu: „Wir setzen alles daran, gleich zu Beginn diejenigen mit den besten Studienvoraussetzungen zu identifizieren, um spätere Enttäuschungen zu vermeiden. Gute Mathematikkenntnisse benötigt man in allen MINT-Fächern. Um Sprachprobleme zu vermeiden, werden die Aufgabenstellungen anhand von Beispielen und Skizzen erläutert.  Darüber hinaus gibt es an der  Universität sechswöchige Auffrischungskurse, in denen die Bewerber ihre Vorkenntnisse reaktivieren können. Dies gibt ihnen eine realistische Vorstellung davon, was auf sie zukommt.“

 

Zwei dieser talentierten Nachwuchs-Fachkräfte sind Yassir Kozha und Ronay Seydo Meme. Yassir Kozha ist 25 Jahre alt, kommt aus Damaskus, hat dort bereits vier Jahre Informatik studiert. Im Deutschkurs beim Diakonischen Werk hat er die B1-Stufe erreicht und dann zuhause allein Deutsch weiter gelernt. Seine Frau ist jetzt im Rahmen des Familiennachzugs auch hier. Ronay Seydo Meme (20) kam vor genau zwei Jahren, im September 2014, mit dem Flugzeug über die Türkei nach Deutschland. Die junge Frau stammt aus Aleppo und ist mit ihrer Familie aus der schwer umkämpften Stadt geflohen.

 

Im kommenden Wintersemester stehen weiterhin Fördergelder des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) sowie zusätzliche Fördermittel des Landes bereit, um voraussichtlich rund 75 weiteren Flüchtlingen eine solche Perspektive an der Saar-Uni bieten zu können. Der nächste Eingangstest für Flüchtlinge, die keine Dokumente vorweisen können, findet voraussichtlich im Januar 2017 statt. Trotz der großen Zahl zusätzlich geschaffener Plätze können die Hochschulen nicht allen Bewerberinnen und Bewerbern gerecht werden, da die Zahl der Bewerbungen über „uni-assist“ (allein 270 für die Universität für das Wintersemester 2016/17) und auch der Anmeldungen zum Eingangstest und damit das Interesse an einem Hochschulstudium sehr hoch ist. Die Hochschulen sind aber weiter bemüht, in enger Zusammenarbeit mit dem Land und den Handwerkskammern und durch eine gezielte hochschulübergreifende Beratung der jungen Flüchtlinge Perspektiven zu bieten und aufzuzeigen.

 

(Quelle: www.uni-saarland.de)