Saar-Professor Thomas Lengauer ist Präsident der ISCB

14. Februar 2018


Thomas Lengauer, Direktor am Max-Planck-Institut für Informatik und Sprecher des Zentrums für Bioinformatik an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, ist Präsident der International Society for Computational Biology (ISCB) geworden.

 

Die Bioinformatik erschließt die Funktion von lebenden Organismen auf moleku­larem Niveau mit mathematischen Modellen und Algorithmen. Ihre zentrale Bedeutung entstand durch Entwicklungen der Molekularbiologie, die zellweite Informationen über die Erbsubstanz liefern, also den Bauplan der Zelle (Genomik), die in der Zelle abgelesenen Gene (Transkriptomik), die in der Zelle produzierten Eiweißmoleküle (Proteomik) und die von ihr benutzten Stoffwech­selprodukte (Metabolomik) sowie deren Wechselwirkungen (Interaktomik). Aktuelle Forschung fokussiert unter anderem auf die Regulierung der moleku­laren Prozesse in der Zelle (Epigenomik) sowie die molekularen Grundlagen von Krankheiten. Die Bioinformatik liefert computerbasierte Hilfsmittel bei moleku­larbiologischen Experimenten, um die anfallenden umfangreichen Daten hinsichtlich biologisch relevanter Muster zu analysieren (Data Mining) und darauf aufbauend mathematische Modelle für biologische Strukturen und Prozesse zu entwickeln. Dabei werden umfangreiche Softwaresysteme entwickelt und eingesetzt, um diese Aufgaben zu bewältigen.

 

„Unsere Gesellschaft ist derzeit gut aufgestellt, sollte aber weiter wachsen, um die Aufgaben der Zukunft adressieren zu können.“ erläutert Professor Lengauer. „Wir müssen das Wissen um die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Bioinformatik bei unseren Partnern in den Lebenswissenschaften weiter verbessern.“  Z.B. in der Pharmaforschung, Gesundheitsforschung und Bio­technologie ist genaueres Verständnis für das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen Biomoleküle in Organismen essentiell; durch die Verfügbar­keit von umfangreichen Datensammlungen, Rechenleistung und effizienten Analysealgorithmen sind hier neue Entwicklungsmöglichkeiten zugänglich geworden. Lengauer führt weiter aus: „Ich sehe meine Aufgabe als Präsi­dent darin, die Bioinformatik als interdisziplinäres Fachgebiet weiter zu festigen. Besonders Biologen können unsere Erkenntnisse und Werkzeuge gewinnbringend mit ihrer Forschung verzahnen und sind in steigendem Maße darauf angewiesen.“

 

Mit der Entwicklung des Gebietes wurden ab den Neunzigern nationale und internationale Fachgesellschaften gegründet, wie die die International Society for Computational Biology (ISCB). 1997 in Washington D.C. gegründet, ist sie mit über 3000 Mitgliedern die derzeit größte und Veranstalter der jährlich größten Bioinformatiktagung (International Symposium on Intelligent Systems for Molecular Biology). Sie betreibt Initiativen zur wissenschaftlichen Weiterbildung, organisiert oder beteiligt sich an Fachkonferenzen in allen Kontinenten, unterhält Partnerschaften mit wissenschaftlichen Zeitschriften, verleiht Wissenschaftspreise und gibt wissenschaftliche Stellungnahmen heraus.  Thomas Lengauer ist der siebte Präsident der ISCB, deren Gründungsmitglied, ehem. Vizepräsident und seit 2015 einer der "Fellows" der Gesellschaft. Professor Lengauer wird für drei Jahre das Präsidentenamt bekleiden, daran schließt sich ein weiteres Jahr als Altpräsident an.

 

Thomas Lengauer promovierte im Jahr 1976 im Fach Mathematik an der FU Berlin und 1979 in Informatik an der Stanford University. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Forschung in der theoretischen Informatik und über den Entwurf integrierter Schaltkreise wandte er sich Anfang der neunziger Jahre der Bioinformatik zu und war einer der Begründer dieser wissenschaftlichen Disziplin in Deutschland. 2001 wählte ihn die Max-Planck-Gesellschaft zum wissenschaftlichen Mitglied und sandte ihn als Direktor ans Max-Planck-Institut für Informatik, wo er die Abteilung Bioinformatik leitet. Er ist Honorarprofessor an den Universitäten Saarbrücken und Bonn. Thomas Lengauer forschte zunächst unter anderem über die computer-gestützte Analyse und Vorhersage von räumlichen Strukturen von Proteinen und über rechnergestützten Entwurf von Medikamenten. Aus den Arbeiten im letzteren Gebiet ging 2001 die BioSolveIT GmbH in Sankt Augustin hervor, die Software zum Medikamentenentwurf entwickelt und vertreibt und deren Mitgründer Lengauer ist. Derzeit forscht er  zur Epigenomik, die Aufklärung der Regulierung der Zelle, sowie zur Analyse von Resistenz bei viralen Infektionen. Zum letzteren Gebiet wurde in seiner Abteilung Software entwickelt, mit der die Medikamentenkombinationen für HIV Patienten ausgewählt werden.