Herausforderung Mobilität: Lösungen in Sicht, politische Rahmenbedingungen gesucht

Mobilität muss sein!“, so der Titel einer vom Saarpfalz-Kreis und von Bosch gemeinsamen organisierten Veranstaltung. Ein Zukunftsthema, mitentscheidend für die Transformation und deren Erfolg im Saarland.

 

11. November 2021


42 500 Arbeitsplätze, 260 Unternehmen, 50% der Wirtschaftsleistung im Saarland. Das sind Fakten, die deutlich zeigen, dass die Wirtschaft die Herausforderung Mobilität angehen und die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen muss. Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke forderte von den zahlreichen anwesenden und zugeschalteten Unternehmen Technologieoffenheit und keine Schwerpunkte, wie sie derzeit auf den Bereich der Elektromobilität gesetzt werden würde. „Wenn Produkte verschwinden, müssen an diesem Standort neue Produkte mit neuen Technologien, die am Markt vielfältig nachgefragt werden, entstehen. Das bedeutet auch, unterschiedliche Wege zu gehen. Die Wasserstoffstrategie muss genauso wie Elektromobilität und synthetische Kraftstoffe vorangetrieben werden“. Dazu benötige es eine entsprechende Förderkulisse seitens der Politik. Für den ÖPNV fordert Barke ebenfalls Förderprogramme oder öffentliche Subventionen, die die Tarife für die Bevölkerung stabil halten. Beim Güterverkehr sieht der Wirtschaftsstaatssekretär noch lange den Einsatz von Diesel, aber langfristig auch die Elektrifizierung und Wasserstoff. Zu den neuen Technologien müssten zu den Investitionskosten auch die Kosten der Qualifizierung der Belegschaft mitgedacht werden. Zu seinem Dreiklang gehöre außer Förderung und Weiterbildung auch die Ansiedlung weiterer Unternehmen.


 Ziel: Mobilität, Natur und Wertschöpfung vereinen



„Natur, Umwelt und die Zunahme der Mobilität widersprechen sich nicht“, ist sich Umweltminister Reinhold Jost sicher. Der Experimentierraum Biosphärenreservat Bliesgau im Saarpfalz-Kreis habe dazu schon Vorarbeit geleistet: „Der öffentliche Nahverkehr mit einem attraktiven Tarifsystem und der Belebung alter Eisenbahntrassen, naturnahem Tourismus und neuen Technologien schaffen den Spagat, die Bedürfnisse der Bevölkerung nach mehr Mobilität, die Wertschätzung der Natur und die Wertschöpfung in der Region zu vereinen.


Energiegewinnung zeitlich und räumlich entkoppeln



Der kaufmännische Werkleiter von Bosch, Oliver Frei, überraschte viele Zuschauer mit der Information, dass Bosch seit 2020 CO2-frei produziere. Er ist überzeugt, dass die regenerativen Energien Energieträger Nummer 1 werden, sieht aber auch Risiken starker Schwankungen und einem unsicheren Import. „Energiegewinnung und Verbrauch müssen zeitlich und räumlich entkoppelt werden“. Wie das funktioniere, mache Bosch seit Jahren vor. Das Werk arbeite kontinuierlich an seiner Effizienz einerseits, andererseits aber auch an der Entwicklung einer Wasserstoffstrategie zur Speicherung der gewonnenen Energie.


Antriebsmix bei Bosch



Wie das in der Praxis aussieht, präsentierte Dr. Stefan Hamelmann, technischer Direktor des Homburger Standorts von Bosch im Geschäftsbereich Powertrain Solutions: Alle großen Hersteller kündigen das Ende des Verbrennermotors zu unterschiedlichen Zeitpunkten an. Die Geschwindigkeit ist hoch. Heute werden pro Jahr in der EU 15 Mio Fahrzeuge neu angemeldet. Die Bestandflotte liegt bei 300 Mio. Nur 20% könnten dann in einem heute entwickelten Szenario Elektrofahrzeuge sein. „Jetzt sind technologische Ideen nötig, verbunden mit einer Offenheit für alle Möglichkeiten“. Probleme seien die fossilen Kraftstoffe nicht die Verbrennungsmotoren, die modern und umweltfreundlich hergestellt und genutzt werden könnten. Bosch verfolge deshalb einen Antriebsmix und möchte einer der führenden Hersteller in der Elektromobilität mit Batterie- und Brennstoffzellen-betriebenen Fahrzeugen werden. Sofern Ladestrom und Wasserstoff aus regenerativen Quellen stammen, fahren diese Verkehrsmittel klimaneutral. Aber auch die Verbrenner werden künftig eine wichtige Rolle spielen. Im Jahr 2030 machen sie voraussichtlich zwei Drittel des Fahrzeugbestandes aus, viele davon als Hybride. Deshalb entwickelt Bosch gezielt Technologien für effiziente Verbrennungsmotoren. Denn Benziner und Diesel können mit erneuerbaren synthetischen Kraftstoffen klimaneutral fahren. So strebt Bosch auf unterschiedlichen Wegen das Ziel, einer individuellen und bezahlbaren Mobilität – bei möglichst geringer Belastung von Klima und Umwelt an. In Homburg wurde im vergangenen Jahr der Prototyp einer von Bosch entwickelten stationären Brennstoffzelle in Betrieb genommen. Die Brennstoffzelle ist in die Energieversorgung des Standorts eingebunden und deckt Bedarfsspitzen an elektrischer Energie ab. „Technologische Lösungen kann die Industrie liefern, wir benötigen die Unterstützung der Politik, den ganzheitlichen Ansatz, Ökonomie, Ökologie und Soziales in Balance halten zu können“.


Förderung synthetischer Kraftstoffe würde Branche im Strukturwandel entlasten



In dem Bosch-Werk in Homburg sieht Dr. Pascal Strobel, Leiter des bei saaris angesiedelten Branchennetzwerks automotive.saarland, ein Paradebeispiel, wie sich die saarländische Automobilindustrie den Herausforderungen des Strukturwandels erfolgreich stellt. Dass das Bosch-Werk in Homburg schon in wenigen Jahren mit Wasserstoff vollständig CO2-neutral betrieben werde und bereits jetzt Technologien für künftige Märkte ansiedle, zeige eindrücklich, wie Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz miteinander in Einklang zu bringen sind. Zurecht habe die Veranstaltung des Landkreises Saarpfalz und des Bosch-Werkes fehlende Technologieoffenheit der EU-Regulatorik kritisiert, die synthetische Kraftstoffe für den Betrieb von Fahrzeugen unberücksichtigt lasse. „Das wirkt nicht nur dem Erreichen der Klimaschutzziele entgegen, es setzt auch - ohne, dass es sein müsste – die Arbeitsplätze der Branche unter Druck“, so Pascal Strobel, der für die Zielsetzung eines EU-weit vorgeschriebenen Mindestanteils synthetischer Kraftstoffe an Tankstellen wirbt.


Bildautor: Beate Ruffing, Saarpfalz-Kreis