Drei Saar-Startups im Perlflussdelta – Ein Wirtschaftsreisebericht

WARUM CHINA KEIN SCHNUPFEN IST: STABILITÄT UND INNOVATION – DAS YIN UND YANG DES MODERNEN CHINA

 

13. Januar 2020


„Schluss mit dem Gequatsche. In fünf Minuten wird gepitcht.“ Ziemlich unsanft unterbricht ein recht salopp gekleideter Chinese im Großraumbüro des Ping An Cloud Accelerator in Shenzhen die Präsentation seines europäischen Kollegen, der gerade unserer 16köpfigen deutschen Startup-Delegation den Aufbau des Ping An-Imperiums nahebringen will.

 

Damit waren zwei Dinge schnell geklärt. Nämlich, dass es in China ziemlich dynamisch und zeitkritisch zugeht und wie selbstverständlich es für Chinesen ist, dass auch deut¬sche Startups wissen: Die Ping An-Gruppe ist eines der zehn größten Unternehmen der Welt, weltgrößter Versicherungskonzern und der Ping An-Accelerator einer der potentesten Venture-Capital-Adressen im Reich der Mitte und weit darüber hinaus. Umso reizvoller ist es, hier zu pitchen. Startup-World League sozusagen. Ein Highlight der einwöchigen Reise, die von der Deutschen Messe Hannover und der AHK Guangzhou organisiert wurde. Auf Initiative von Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke und mit Unterstützung und Begleitung von saaris sind gleich drei Saarländer unter den 16 deutschlandweit ausgewählten Foundern: André Rinau von Mondata, ein Saarbrücker Startup für IT-Beratung und -Entwicklung, Matthias Schmitz von K-Lens, dem Gewinner des Startup Award der Photokina 2018 und Tim Vollmer von 2log.io aus dem IT-Inkubator der Universität.

 

Für alle drei ist es der erste intensive Kontakt zum chinesischen Markt. Und alle drei werden am Ende ein positives Fazit ziehen. Drei Pitches in der Tec-Region am Perlflussdelta, ein großes Matchmaking in Guiyang (Provinz Guizhou) und Stände bei der CEBIT in Foshan stehen an – inklusive knapp 2.000 Reisekilometer. Die sind mit dem Hochgeschwindigkeitszug noch der entspannteste Teil. Auch in Sachen Transport und Logistik ist China inzwischen auf Weltniveau. Vorbei die Zeiten, in denen hier nur kopiert und billig produziert wurde. China ist ein dynamischer Innovationsstandort und längst nicht mehr nur als verlängerte Werkbank an internationalen Wertschöpfungsketten beteiligt. Die VW-Santana-„Goldgräberzeit“ nach den Wirtschaftsreformen von Deng Xiaoping ist längst Geschichte. Auch der China-Hype deutscher Unternehmen zum Anfang des Jahrtausends fand sein Ende. Die Rahmenbedingungen in China haben sich seitdem fundamental geändert. China „is thinking big“. Und tut es auch. Mit klarer Strategie in Peking und vielen daran ausgerichteten Projekten in den Regionen hat sich China in Rekordzeit gewandelt. Ausgestattet mit Eigenkapital bei Staat und Unternehmen. Mit dem unbedingten Willen zum Erfolg, aber auch mit einem brutalen Erfolgsdruck von oben nach unten. Projekte werden in Rekordzeit vorangetrieben, Flops in Kauf genommen. China litt lange unter seiner Größe. Innerhalb einer Dekade hat es diese ökonomisch zu einer Stärke gedreht.

 

Und: China ist kein Schnupfen. China geht nicht mehr weg. China wird seine Marktmacht nicht mehr verlieren, unabhängig von temporär sinkenden Wachstumszahlen oder dem anhaltenden Handelsstreit mit den USA. Chinas politische Stabilität darf, trotz Hongkong und internationaler Kritik am Umgang mit Uiguren und anderen ethnischen Gruppen, nicht unterschätzt werden. Denn nichts wird in China bei Regierung, Unternehmen wie Arbeitnehmern mehr gefürchtet als „Luan“, der Zustand des Chaos, das China von der Mitte des 19. bis weit ins 20. Jahrhundert geprägt hat. In der DNA der Chinesen sind die Erfahrungen mit dem kriegerischen Imperialismus des Westens und der Japaner, die Schwäche des eigenen Systems zum Ende des Kaiserreiches aber auch die blutigen Bürgerkriege und die zerstörerische „Kulturrevolution“ fest verankert. „Nie wieder schwach, nie wieder uneinig – auch um den Preis von Freiheitsrechten, die im Westen selbstverständlich sind.“ Dieses Credo der Stabilität hört man vielfach. Und zwar nicht nur von KP-Funktionären. Sondern auch von Chinesen, die von der allgemeinen Reisefreiheit profitieren, die unternehmerisch tätig sind, im Ausland studiert haben, aber bewusst und selbstbestimmt nach China zurückkehrten, um dort innovativ und erfolgreich zu sein. Beim Besuch des Technologiekonzerns Royole treffen wir die Marketing-Chefin, die vor zwei Jahren – nach Studium und ersten Berufserfolgen im Silicon Valley – zurück in die Heimat kehrte: „Stabilität schafft den Raum für Innovation“, so ihr Fazit pro China. Auch wenn die Regierung bisweilen bei der unbedingten Wahrung dieser Stabilität weit übers Ziel hinausschießt.

 

Und tatsächlich: Was in den letzten Jahren etwa im einst bescheidenen und abgelegenen Provinzstädtchen Guiyang - mit inzwischen fast fünf Millionen Einwohnern – bewegt wurde, ist für europäische Dimensionen gigantisch: Automotive, Robotik, Game Industry und weitere Branchen haben sich hier angesiedelt. Wer vermutet, dass diese Entwicklung noch immer auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen wird, sieht sich in den Produktionshallen der „green factory“ Guiyang des Automobilherstellers Geely, zu dem inzwischen auch Volvo gehört, eines Besseren belehrt. Unter modernsten Arbeitsbedingungen werden die einst körperlich schweren Tätigkeiten von Robotern erledigt. Denn auch im 1,3-Milliarden-Land China herrscht – nicht zuletzt aufgrund der früheren Ein-Kind-Politik – inzwischen Fachkräftemangel. Die Löhne steigen, die Arbeitsbedingungen werden optimiert – zumindest in den Ballungszentren, neuen Werken und Laboren. Hier arbeitet der gutverdienende Mittelstand – das Rückgrat der chinesischen Wirtschaft, der anhaltend hohen Binnenkonjunktur, die auch für deutsche Exporterfolge sorgt. Auf dieser Basis steigt China mit dynamischer Innovationsförderung und der unvergleichbaren Internationalisierungsoffensive seiner „Belt- und Roadpolitik“ endgültig zum Global Player neben den USA und der EU auf. Diesen strukturellen Veränderungen von Handelswegen und internationalen Märkten muss sich auch das Exportland Saarland stellen. China und seine Strategie zu ignorieren, ist dabei kein gangbarer Weg. Dies haben auch die drei Startups gelernt. Tim Vollmer hat in der China-Woche seinen lang gesuchten Zulieferer für eine Komponente seiner Shared-Infrastructure- Hardware gefunden. André Rinau ist sich jetzt sicher, dass es für seine Dienstleistung einen Markt in China gibt und arbeitet mit Unterstützung der AHK am Markteintritt im Reich der Mitte. Und Matthias Schmitz profitiert immens von seinen chinesischen Pitch-Erfahrungen bei der aktuellen Suche nach venture capital. Keiner von ihnen hatte den Eindruck, es mit übergriffigen, unfairen oder aufs schnelle Kopieren orientierten Gesprächspartnern zu tun zu haben.

 

China ist anders, ohne Frage. Aber wer außenwirtschaftlichen Erfolg haben will, der darf zwar nicht blauäugig, aber auch nicht voller Vorurteile einer fremden Wirtschaftskultur begegnen. Die chinesische Dynamik, die ökonomische Risikobereitschaft, der politische Stabilitätsglaube und die finanzielle Potenz mögen bisweilen irritierend sein. Aber sie bieten am Ende mehr Chancen als Risiken – auch für saarländische Unternehmen. China wird sich uns dennoch nie vollständig enträtseln. Die lange Zugfahrt führte die Delegation durch eine Region, die von kleinen Dörfern mit den immer gleich aussehenden Backsteinhäuschen und kleinen Landwirtschaftsbetrieben geprägt ist. Eine andere Welt. Jenseits der Städte. Sehr traditionell. Sehr arm. Sehr alt. China wird auch deshalb immer ein Rätsel bleiben, weil es das eine China gar nicht gibt. Sondern viele ganz unterschiedliche. Aber es ist und bleibt ein spannendes Rätsel, bei dem man mitmachen und nicht nur zuschauen sollte, wie andere es für sich lösen.


Ansprechpartner

Stephan Schweitzer

Geschäftsführer saaris e.V.

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E-Mail: stephan.schweitzer@saaris.de

Pitch im Ping An Cloud Accelerator (v. l.: Matthias Schmitz, Stephan Schweitzer, Tim Vollmer und André Rinau)